Mit Straftätern an einem Tisch
Merckle-Sohn will mit Verein Prisma eine Wohnanlage für Jugendstraftäter am Hainer See errichten
LVZ Borna-Geithain 12.12.2009
Von frank Prenzel und Thomas Lieb
Borna. Jugendstrafvollzug in freien Formen – diese neue Art der Strafverbüßung geht einen Schritt weiter als der offene Vollzug, den es mit 20 Plätzen auch in der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen gibt. Das Justizministerium hat den Prisma-Verein damit beauftragt, so ein Projekt in Sachsen zu etablieren. Nach bislang erfolgloser Objektsuche will der Verein jetzt am Nordufer des Hainer Sees tätig werden. Der Geschäftsführende Vorstand Tobias Merckle informierte gestern Abend in Borna Stadt- und Gemeindevertreter der Seeanrainer-Kommunen über das außergewöhnliche Projekt.
Der 39-jährige Tobias Merckle ist eines der vier Kinder von Adolf Merckle, jenem Unternehmensriesen, den die Finanzkrise in diesem Jahr in den Freitod trieb. Zum Merckle-Imperium gehört bekanntlich auch das Hainer-See-Gebiet. Doch die Fäden für dessen Entwicklung hält Ludwig Merckle (44) in der Hand. Seinen Bruder Tobias trieb ein anderes Projekt ans See-Ufer. Mit seinem Prisma-Verein gründete er 2003 mit dem „Seehaus Leonberg“ einen Jugendstrafvollzug in freien Formen. Seinen Worten nach gibt es derzeit in Deutschland lediglich in Baden-Württemberg zwei derartige Projekte. Sachsen wolle jetzt als zweites Bundesland für 14- bis 21-jährige Straftäter einen weitergehenden Vollzug aufbauen und habe den Verein Anfang des Jahres damit beauftragt. Projektleiter im Freistaat ist Vereinsmitarbeiter Michael Richter (32), Wohnort Leipzig. Merckle und Richter haben ein halbes Jahr lang im Städtedreieck Dresden – Chemnitz – Leipzig etwa 200 Immobilien in Augenschein genommen – erfolglos. Jetzt glauben sie, mit dem Hainer See einen optimalen Standort gefunden zu haben: bezahlbar, entfernt von Wohnbebauungen, trotzdem in einem Ballungsgebiet gelegen und in der Nähe zu Regis-Breitingen, denn aus dem dortigen Gefängnis sollen die Straftäter für die freie Vollzugsform rekrutiert werden. Die Teilnahme sei freiwillig, so Merckle. Sexualstraftäter seien ausgenommen.
Bei näherer Betrachtung ist diese Alternative zum Knast revolutionär. „Junge Straftäter, die sich ändern und etwas aus sich machen wollen, werden abseits vom Gefängnis aufs Leben in Freiheit vorbereitet“, erklärt Merckle. Dazu werden sie ein bis zwei Jahre in Familien aufgenommen. Ein freiwilliges Ehepaar, auch mit Kindern, lebt mit fünf bis sieben Straftäter unter einem Dach. Mindestens einer der beiden Partner sei Sozialpädagoge, so Merckle. Jeder Hausgemeinschaft sei eine Sozialarbeiterin und eine Haushälterin zugeordnet. Wenn Jugendliche in ein Umfeld kommen, wo sie sich behaupten müssen, wie im Gefängnis, werde Gewaltbereitschaft gefördert, sagt der Prisma-Chef. In einer Familie hingegen fänden sie Geborgenheit, auch Liebe, klare Normen in einem geregelten Tagesablauf mit Sport, Berufsschule und gemeinnütziger Arbeit, und wichtig sei, dass die jungen Straftäter in dieser anderen Atmosphäre unter straffer Hand auch Verantwortung lernen und wahrnehmen. Es gehe darum, die Fähigkeiten der Leute ins Positive umzukehren. Das Objekt/Gelände ist nicht umzäunt, dennoch dürfen es die Straftäter nicht verlassen. Wie in Leonberg soll es auch am Hainer See lediglich eine Nachtwache geben.
Merckle ist davon überzeugt, dass die Rückfallquote der In-Freien-Formen-Insassen deutlich geringer ist und so dem Opferschutz und der Gesellschaft am besten geholfen wird. Erste Erfahrungen in Leonberg hätten das gezeigt. Zwar koste im „Seehaus“ ein Gefangenenplatz pro Tag mit 203 Euro mehr (Regelsatz im Gefängnis 130 Euro), dennoch „rechnet es sich schnell. Jeder, der nicht rückfällig wird, ist ein Gewinn für die Gesellschaft.“ Der Vollzug in freien Formen ziele darauf, neue Straftaten zu vermeiden. Insofern sei eine gute Nachsorge mit entscheidend. Merckle: „In Leonberg konnten wir bislang allen Entlassenen einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz vermitteln.“
Sachsens Regierung hat das Projekt für 20 Straftäter in einem Interessensbekundungsverfahren ausgeschrieben, um dem „gesetzlichen Auftrag zur Wiedereingliederung jugendlicher Straftäter gerecht zu werden und das Jugendstrafgesetz durch diese Formen der Betreuung weiterzuentwickeln und zu verbessern“, erklärte der Sprecher des Dresdener Ministeriums, Till Pietzcker. Daher stehe das Projekt auch im Interesse aller, so der Sprecher. Das Justizministerium unter Vorsitz von Jürgen Martens (FDP) wünscht den Initiatoren des Vereins Prisma „eine konstruktive Basis, auf dem das Konzept auf tragfähige Säulen gestellt werden kann und das Einvernehmen aller Beteiligten einschließt“, so Pietzcker. Im Frühjahr nächsten Jahres will der Verein in der Region zunächst in einem Übergangsobjekt und mit einer Familie beginnen (Merckle: „Wir suchen noch.“). Grünes Licht vorausgesetzt, könne es am Hainer See in ein bis zwei Jahren losgehen. Auch Richter will dann mit seiner Frau und den drei Kindern (3, 9, 12) ans Ufer ziehen, an dem das Objekt etappenweise sieben bis acht Gebäude erhalten soll. Am Aufbau ihres „eigenen Zuhauses auf Zeit“ sollen die Straftäter mitwirken. © Standpunkt



