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Kabelsalat unter blanken Holzdielen

Steckdosen und Schalter haben schon geschmort – Versäumnisse aus der Vergangenheit könnten verheerende Folgen haben

FP 19.01.2010


Von Gabi Thieme


Chemnitz. Das alte Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg inmitten des modernen Justizzentrums hat rund 140 Zellen für etwa 200 Häftlinge. In jeder Zelle laufen Wasserkocher, Kaffeemaschine, Radio, Fernseher und CD-Player. Die Belastung der Hauselektrik ist dadurch so hoch, dass schon Steckdosen und Schalter geschmort sind, weiß Anstaltsleiter Frank Wigger. „Zum Glück für die derzeit 177 Häftlinge ist noch nichts passiert“, betont er. Wasserkocher dürfen aber nur noch maximal 900 Watt haben, mehr ist nicht erlaubt. Gleichwohl weiß Wigger, dass es auch anders hätte kommen können. Im Hafthaus B, einem von vier Gebäudeteilen des Komplexes, bestehen die Fußböden der Galerien komplett aus Holzdielen. Nur durch den PVC-Belag obenauf sind sie nicht sichtbar. Schaut man sich die Dielen von unten an, sieht man darunter die aus den Zellen kommenden Stromkabel verlaufen.

Für Carsten Biesok, den rechtspolitischen Sprecher der FDP-Fraktion im Landtag, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese erheblichen Versäumnisse aus der Vergangenheit verheerende Folgen haben könnten. Im Haus A sind die Probleme sogar noch größer. „Würde dort im Erdgeschoss ein Feuer ausbrechen, wären im Nu alle Bereiche verqualmt und verräuchert“, meint er. Gemeinsam mit Justizminister Minister Jürgen Martens (FDP) schaute er sich gestern das Gefängnis an. Zwar wurden zwischen den Jahren 1992 und 2005 immer wieder Reparaturarbeiten ausgeführt und Teilbereiche saniert, aber insgesamt sei die bau- und brandschutztechnische Situation völlig unzureichend, sagte der Minister im Anschluss. Anlass für den Besuch war ein Gutachten des sächsischen Staatshochbaubetriebes SIB, der nach einer Überprüfung im November die gravierenden Brandschutzmängel aufgelistet hatte. Daraufhin wurden im Dezember erste Maßnahmen ergriffen und zunächst zehn Häftlinge aus den besonders gefährdeten Bereichen in andere Unterkünfte verlegt. Nun müssen bis Ende Februar fast alle Gefangenen, einschließlich der 80 Untersuchungshäftlinge, umziehen: nach Dresden, Zwickau, Zeithain und einige wenige nach Torgau. Keine dieser Justizvollzugsanstalten (JVA) ist zurzeit voll belegt. Die Kaßberg-JVA ist in Sachen Sanierungsbedarf kein Einzelfall. Alle elf Anstalten wurden jüngst auf bauliche Mängel hin überprüft. Der größte Bedarf bestehe in Torgau, sagte der Minister. Auch Waldheim als älteste Anstalt im Freistaat Sachsen steht auf der Liste. Görlitz sei ebenfalls ziemlich alt, inzwischen aber saniert. In Bautzen liefen die Arbeiten gerade. An dem Beschluss, die JVA in Chemnitz-Reichenhain ausschließlich als gemeinsames Frauengefängnis der Länder Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zu nutzen, werde nicht gerüttelt. „Das war eine richtige Entscheidung“, so Martens.

20.01.2010