Hartes Leben im Jugendgefängnis
SZ, 10.04.2010
Was passiert, wenn sich hinter jungen Straftätern die Zellentüren schließen? In Sachsen liegt jetzt der erste offizielle Bericht zum Jugendstrafvollzug vor. Von Gunnar Saft
Es war eine Sommernacht im Juli 2008, die das Leben von Patrick T., Rocco R. und Ronny N. abrupt ändern sollte. Die drei Jugendlichen aus Lommatzsch griffen während einer Grillfete plötzlich einen jungen Mann an. Stundenlang schlugen und quälten sie ihr Opfer, ritzen ihm unter anderem mit einer Scherbe den Rücken auf. Nur eine Notoperation rettete dem Geschundenen knapp das Leben. Vor drei Wochen bekamen die Täter die Quittung: Das Landgericht Dresden ordnete Haftstrafen von bis zu drei Jahren und fünf Monaten an. Die werden sie voraussichtlich in Regis-Breitingen absitzen müssen, der sächsischen Jugendstrafanstalt für männliche Verurteilte zwischen 14 und 21 Jahren. Und was sie dort erwartet, kann man jetzt im ersten Bericht zum Jugendstrafvollzug nachlesen, den Sachsens Justizminister Jürgen Martens (FDP) am Freitag vorstellte.
DIE TÄTER SITZEN OFT WEGEN GEWALT, RAUBES UND DROGEN
In Regis-Breitingen (350 Plätze) sind zurzeit 307 männliche Verurteilte untergebracht. Viele sitzen wegen Gewalttaten und Körperverletzung (40 Prozent). Bei den Haftgründen folgen Diebstahl und Unterschlagung (17,5), Raub und Erpressung (14,3) sowie Drogendelikte (9,5). 15 Jugendliche wurden wegen Mordes oder Totschlags verurteilt.
DER GEFÄNGNISALLTAG FINDET VOR ALLEM IN DER GRUPPE STATT
Untergebracht sind die Häftlinge in Wohngruppen, die aus bis zu zwölf Mitgliedern bestehen. Das Tagesprogramm wird in der Regel gemeinsam absolviert. In Regis-Breitingen gibt es derzeit 231 Justizangestellte, darunter seit Kurzem auch eine Amtsärztin. Im Vergleich zu Vollzugsanstalten für Erwachsene ist das deutlich mehr Personal, sodass sich Betreuer besser um einzelne Insassen kümmern können.
GEWALT GIBT ES AUCH HINTER DEN GEFÄNGNISMAUERN
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kommt es zwischen den Häftlingen oft zu Erpressungen, Diebstählen oder körperlicher Gewalt. Für das Personal ist es schwierig, dagegen vorzugehen, weil viele Opfer aus Angst lieber schweigen. 2009 wurden in Regis-Breitingen 15 solche Fälle bekannt. Dieses Jahr sind es bisher fünf. Neu: Die Bediensteten füllen nun regelmäßig Beobachtungsbögen aus, um Missbrauchsfälle noch schneller zu erkennen.
HÄFTLINGE SIND VOR ALLEM DEUTSCHE OHNE HOHE BILDUNG
Bei der Mehrzahl der Gefangenen handelt es sich um Deutsche. In Regis-Breitingen gibt es gegenwärtig nur zehn Ausländer sowie sieben sogenannte Russland-Deutsche. Bei den 35 Mädchen und jungen Frauen, die in Sachsen im Strafvollzug Chemnitz (60 Plätze) untergebracht sind, sieht es ähnlich aus. Erschreckend hoch ist der niedrige Bildungsgrad: Über 70 Prozent aller Insassen des Jugendstrafvollzugs haben keinen Schulabschluss. Viele davon seien praktisch Analphabeten, meint Minister Martens.
WER WILL, KANN WÄHREND DER HAFTZEIT EINEN BERUF ERLERNEN
Die Haftzeit soll daher auch für eine bessere Ausbildung genutzt werden. 54 Gefangene nehmen derzeit an Hauptschul- und Realschulkursen teil. Bis zu drei Viertel der Teilnehmer haben diese in den vergangenen Jahren auch bestanden. Für die Berufsqualifizierung stehen 198 Plätze zur Verfügung. Das Angebot reicht vom Bauhelfer, Lageristen, Gebäudereiniger bis zum Mediengestalter und der Modenäherin.
FÜR DIE MEISTEN INSASSEN GIBT ES KEINEN ARBEITSPLATZ
Richtige Arbeitsplätze gibt es im Jugendstrafvollzug dagegen deutlich weniger. Zurzeit haben nur 61 Insassen eine Beschäftigung. Die Jugendlichen werden in der Bäckerei, beim Gartenbau, in Werkstätten oder beim Friseur eingesetzt.
RÜCKFALLQUOTE JUGENDLICHER STRAFTÄTER IST SEHR HOCH
Trotz vieler Ausbildungs- und Therapieangebote ist die Erfolgsquote jedoch bisher sehr gering. Bundesweit werden rund 77 Prozent aller Insassen eines Jugendstrafvollzugs später rückfällig und begehen neue Straftaten. Auch im sächsischen Regis-Breitingen hat man einige Insassen bereits zu einer offiziellen Tätergruppe zusammenfassen müssen. Dabei handelt es sich um Jugendliche, die schon im Strafvollzug immer wieder durch bewusste Regelverstöße auffallen und sich nur unwillig unterordnen.