Erster Lagebericht über Sachsens Jugendstrafvollzug
Junge Kriminelle
www.mdr.de, 09. April 2010
Sachsens Justizminister Jürgen Martens hat am Freitag erstmals umfassend über die Situation des Jugendstrafvollzugs im Freistaat informiert. Wie er im ersten Lagebericht betonte, wurde auf die im Sommer 2009 bekannt gewordenen Misshandlungsfälle in der Haftanstalt Regis-Breitingen in mehrerer Hinsicht reagiert: Die Sicherheitsvorkehrungen seien verschärft, das Personal um zwölf junge, gut ausgebildete Beamte sowie eine Amtsärztin verstärkt worden. Alle Bediensteten seien dafür sensibilisiert worden, bereits erste Anzeichen von Unterdrückung und Verletzungen zu erkennen. Martens zufolge untersucht auch der Kriminologische Dienst des Freistaates Sachsen fortlaufend Fälle von Gewalt im Jugendstrafvollzug. Diese Analyse soll Aufschluss darüber geben, wie es dazu kommt und wie Gewalt vermieden werden kann.
Straftätern Chancen geben, statt sie nur zu verwahren
Der erste Bericht zur Lage des Strafvollzugs wurde an den Sächsischen Landtag übergeben. Bei der Präsentation kündigte der sächsische Justizminister an, trotz der schwierigen Haushaltssituation auch künftig darauf Wert zu legen, dass die Häftlinge im Strafvollzug neue Chancen bekommen und nicht nur verwahrt werden. Um die Jugendlichen vor einer weiteren kriminellen Karriere zu bewahren, müsse mit erzieherischen Mitteln auf sie eingewirkt werden. "Die jugendlichen Straftäter kommen mitten aus unserer Gesellschaft und wir müssen ihnen auf ihrem Weg zurück in ein Leben ohne Straftaten helfen."
Wohngruppen, Ausbildung und Therapieangebote sind wichtig
In dem vorgelegten Lagebericht wird zum Beispiel hervorgehoben, wie wichtig die Unterbringung der Heranwachsenden in Wohngruppen ist. In Regis-Breitingen bilden bis zu zwölf Häftlinge eine solche Gemeinschaft. In dieser Wohnform sollen sie das soziale Miteinander trainieren und üben, im Leben Verantwortung zu übernehmen. Außerdem heißt es in der Bestandsaufnahme des Justizministeriums, Ziel des sächsischen Jugendstrafvollzugs sei eine Vollzugsgestaltung, in der gezielt Defizite behandelt und vorhandene Ressourcen gestärkt werden. Dazu gehöre die Möglichkeit, einen Schulabschluss zu machen und sich beruflich zu qualifizieren. Auch die Notwendigkeit von Therapieangeboten wird angesprochen. Dem Bericht zufolge eigen sich die Heranwachsenden in verschiedenen Kursen Techniken an, mit denen sie Konflikte gewaltfrei lösen können. In Regis-Breitingen können speziell Sexualstraftäter an einem zweistufigen Behandlungsprogramm teilnehmen. Auf diese Weise sollen sie lernen, ihre Bedürfnisse besser zu regulieren.
Am 1.1. saßen 367 junge Leute im sächsischen Jugendstrafvollzug
Der Großteil der jugendlichen Straftäter in Sachsen ist in der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen und in der Justizvollzugsanstalt Chemnitz untergebracht. Letztere nimmt ausschließlich weibliche Häftlinge auf, Regis-Breitingen nur männliche. Zum 1. Januar saßen nach Angaben des Justizministeriums 307 Männer und 35 Frauen ein. In Regis-Breitingen wurden im ersten Quartal 2010 fünf Körperverletzungen angezeigt. Im gesamten Vorjahr waren es 15. Im Jahr 2008 wurden 19 Übergriffe regristriert. Die Anstalt Regis-Breitingen hatte im Sommer 2009 mit einem Folterskandal für Schlagzeilen gesorgt. Es war bekannt geworden, dass Häftlinge einen Gefangenen im Frühjahr 2008 brutal misshandelt und fast zu Tode gequält hatten.