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Brücken zur Wiedereingliederung in das normale Leben

Sachsen geht neue Wege bei Gewaltbekämpfung in Jugendhaftanstalten – Niedriger Bildungsstand der Jugendlichen erschwert Resozialisierung

FP, 10.04.2010


Von Hubert Kemper


Dresden. Justizminister Jürgen Martens (FDP) sieht Fortschritte beim Abbau von Gewalttätigkeiten in den beiden Jugendstrafanstalten Sachsens. Seit Sommer 2009 werden in Regis-Breitingen, wo 307 junge Männer einsitzen, Beobachtungsbögen über alle Gefangenen geführt und zeitnah ausgewertet. Die Bediensteten seien sensibilisiert, auf erste Anzeichen von Unterdrückung oder Misshandlung zu achten, sprach Martens von einer „Kultur des Hinschauens“.

Mit einem Folterskandal hatte die 2007 eingeweihte Haftanstalt Regis-Breitingen Schlagzeilen gemacht. Schon imFrühjahr 2008 hatten jugendliche Straftäter einen Mithäftling brutal misshandelt und beinahe in den Tod getrieben. Derartige Vorfälle würden heute nicht mehr unentdeckt bleiben, meinte Martens. Ein Grund sei ein günstiger Personalschlüssel. 231 Mitarbeiter stehen für 307 Gefangene zur Verfügung. Ein anderer sei die Unterbringung. So bilden regelmäßig zwölf Häftlinge eine Wohngruppe, in deren Rahmen ein Leben in sozialer Verantwortung trainiert werden könne.

„Wir wollen Brücken bauen und keinen billigen Verwahrvollzug betreiben“, sagte Martens gestern bei der Vorstellung einer Bilanz des vor zwei Jahren in Kraft getretenen Jugendstrafvollzugsgesetzes. Zwar sind im ersten Quartal 2010 erneut fünf Anzeigen wegen Körperverletzung in Regis-Breitingen eingegangen, doch habe es sich dabei um eine Schlägerei nach einem Fußballspiel gehandelt.

Das Schwergewicht ihrer Bemühungen legt die sächsische Justiz auch angesichts einer erschreckend hohen Rückfallquote von 77 Prozent auf dieWiedereingliederung in das Leben nach dem Strafvollzug. Da über 70 Prozent der Gefangenen über keinen Schulabschluss verfügen, stehen in Regis-Breitingen jährlich 36 Plätze zum Erwerb des Hauptschulabschlusses zur Verfügung. Das Angebot für berufliche Qualifizierungsmaßnahmen umfasst 118 Plätze in zehn Berufen.

Gewaltdelikte sind mit Abstand der häufigste Anlass für die Verbüßung von Haftstrafen bei jugendlichen Tätern. Diebstahl, Unterschlagung, Raub und Erpressung folgen. Nur fünf Straftäter sind 16 Jahre alt, mit 139 stellen die 21-bis 24-jährigen das Gros der Einsitzenden. Vergleichsweise bescheiden ist die Zahl junger weiblicher Strafgefangener in Sachsen. Die 35 Häftlinge sind in der JVA Chemnitz untergebracht. Ihnen stehen 35 Justizvollzugsbedienstete zur Verfügung.

Drangvolle Enge herrsche derzeit nicht in den sächsischen Gefängnissen, berichtete Martens. Von rund 5000 im Jahr 2000 ist die Zahl der Strafgefangenen auf 3600 gesunken. Der Ausländeranteil bei jugendlichen Gefangenen liegt bei lediglich 3,2 Prozent. „Damit werden anders lautende Parolen aus einem bestimmten politischen Lager entlarvt“, meinte Martens.

12.04.2010